Sonntag, 16. August 2026

Das unglamouröse Ende

Freitag, 14.8.
Ich stresse mich ganz und gar nicht, Brașov zu verlassen. Im Gegenteil: Es gibt ein Lokal Brunch House. Das hat mich nicht nur wegen des Namens angesprochen, sondern auch, weil es auf einem etwas versteckten großen Innenhof unweit des Marktplatzes zahlreiche ruhige Außensitzplätze bietet. Da gönne ich mir erstmal einen Stapel Pancakes, genau das Richtige. Ich habe mehrere Optionen zur Weiterreise und möchte mich hierzu erst auf dem Weg zum Bahnhof entscheiden. Grüner Freitag: Seit April ist der ÖPNV in Brașov freitags kostenlos :-)Schließlich erscheint es mir doch am sinnvollsten, direkt in den Westen Rumäniens zu reisen - die Rückfahrt, so wie ich sie plane, wird noch einige Tage beanspruchen. Mein nächstes Ziel: Oradea, dem Vernehmen nach die schönste westlich gelegene Stadt. Die direkte Bahnstrecke dorthin ist gesperrt. Also über Arad, 2,5 Bahnstunden südlich davon. Bis Arad sind es alleine 7,5h Zugfahrt. Das verlangt eine Übernachtung dort. Arad ist keine kleine Stadt (145.000EW), ich kümmere mich erst um eine Unterkunft, als ich längst im Zug sitze: Es wird ein kleines, zentrales, günstiges AirBnB-Apartment.
Mit anderthalb Stunden Verspätung, gegen 23:00, steige ich in Arad aus. Immerhin habe ich unterdessen schon fast meine gesamte weitere Rückreiseroute geplant und gebucht. Am kniffligsten ist dabei die Route von Košice (Slovakei) nach Krakau, mit möglichst hohem Zug-Anteil, aber ohne einen riesen Bogen nach Westen: Über Bohumin werde ich schließlich schon am Folgetag, mit dem neuen LeoExpress-Zug (Przemyśl-)Krakau-Frankfurt fahren!

Samstag, 15.8.
Das Thema hat mich leider auch die Nacht beschäftigt. Aber nicht deswegen lag ich stundenlang wach, sondern weil sich mein (vermeintlich?) cardiologisches Problem jetzt auch im Ruhezustand bemerkbar macht. So schlimm, dass ich meinen für 10:22 gebuchten Zug nach Oradea noch nachts storniert habe.
Nach dem Aufstehen beschließe ich den Gang zum Supermarkt (mein Proviant ist aufgebraucht) als Test zu nehmen, ob ich mich überhaupt noch reisefähig fühle.Das Ergebnis ist ernüchternd: Ich bringe das Frühstück nicht zu Ende und kollabiere fast auf dem Küchenboden. Zuvor hatte ich Marinela kontaktiert: Eine Rumänin, die schon lange in Heidelberg lebt, aber von der ich wusste dass sie gerade in ihrer Heimatstadt Timișoara, 1,5h entfernt, zu Besuch ist. Sie hat sogar einen befreundeten Arzt in Arad kontaktieren können <3 , aber die "Lösung" ist eindeutig: Notaufnahme :-( Die ist zum Glück nur 1,5km entfernt. Mit letzen Kräften packe ich alle Sachen und schleiche dort hin.
Ich darf zum Glück in die "Fast Lane" und finde mich schon nach 2-3min auf einer Liege in dem großen Behandlungssaal. Ruhepuls: 100. Blutdruck: Ok. Das EKG ist Ok, auch alle Blutuntersuchungen. Dass ich ausgerechnet in dieser Situation mal sehr froh über mein Spanisch sein werde, habe ich mir auch nicht erträumen lassen: Das ist jedenfalls die Sprache, auf der die freundliche Krankenpflegerin und ich während meines ganzen Aufenthalts kommunizieren können. 2h später ist mein Puls noch bei 80. 3h bin ich auf der Liege in der Notaufnahme und schlummere zwischendurch auch ein bisschen.
Sie haben mich 10 Jahre jünger gemacht. Praktisch fühle ich mich gerade um 30 Jahre gealtert :-(Ich bekomme ein Medikament verschrieben um im Notfall den Puls zu senken und die Empfehlung eine Pulsuhr zu verwenden. In der Nähe vom Hauptbahnhof gibt es ein Einkaufszentrum, da werde ich beides bekommen. 1,7 km - jetzt lieber mit dem Taxi. Kurze Zeit später bin ich stolzer Besitzer einer SmartWatch (ich habe mich bisher immer gegen den Sch.. gewehrt). Sie wirklich betriebsbereit zu machen dauert bestimmt 30 min, aber ich habe die Zeit - auch 18:00 geht noch ein Zug nach Budapest. Das dauert nur 4h von hier - Glück im Unglück: Arad liegt genau an der Bahnstrecke Bukarest-Budapest. Der Zug ist angenehm leer.

Sonntag, 16.8.
In Budapest konnte ich ein nagelneues Hostel 150m vom Bahnhof Keleti buchen. Die anderen Gäste im 4-Bett-Zimmer machten sich überhaupt nicht bemerkbar und ich habe 7h tief und fest geschlafen.Mir bleibt noch Zeit für einen Kaffee im Hostel und einen Bäckereibesuch. Der Zug um 7:30 wird knüppelvoll - erst vor wenigen Stunden hat das Sziget-Festival geendet. Ich habe keine Sitzplatzreservierung. Knapp 2h muss ich stehen. Das mache ich aber gerne, ich fühle mich nicht unwohl dabei. Umstieg in Salzburg: 63 min sind auf 7 min geschrumpft - nochmal Glück gehabt. Der nächste Zug bringt mich nämlich direkt nach Heidelberg und für ihn konnte ich mir noch eine Platzreservierung holen. Ich gehe trotzdem 2x ins Bordrestaurant: Gold wert, wenn einem der längere Umstieg verwehrt geblieben ist, aber auch einfach der Abwechslung und Bewegung halber, inkl. nettem Plausch mit Leuten, mit denen man sich dort den Tisch teilt. Nach angenehmen knapp 5h, mit nur 4min Verspätung, steige ich am Heidelberg Hbf aus.

Das war's also? Ich kann es immer noch nicht ganz fassen, dass ich das alles erlebt habe. Ich meine damit nicht die letzen Stunden, sondern die gesamten 3 Monate. Ich bin dankbar für die ganzen unglaublich tollen Erlebnisse und Erfahrungen, die vielen wundervollen, freundlichen und hilfsbereiten Menschen, denen ich begegnen durfte.

Update 18.8.
Mein Hausarzt hat mich nach ausgiebiger Sichtung aller Dokumente aus dem Krankenhaus in Rumänien für gesund erklärt. Verspannung der gesamten Skelettmuskulatur oder so ähnlich. Das geht auch in die Richtung der Theorie meiner Mutter (die mich immerhin bald 44 Jahre kennt ;-) ): Ich hätte es reise-mäßig übertrieben. Ausschließen möchte ich das nicht: Unterbewusst habe ich den ständigen Druck, immer noch mehr sehen und erleben zu wollen. Keine Ahnung, wie ich in Zukunft damit umgehen werde.