Montag, 29. Juni 2026

Plan C und Roadtrip mit Pegel-Pego

Amberd-Tour, zweiter Versuch.
Die Abfahrtszeit des Busses nach Byurakan ist bekannt (10:30), ebenso die Buslinie aus Gai zum "Zentralen Busbahnhof", 28 sollte es sein. 9:15 verlasse ich die Wohnung. Wenige min später stehe bzw. sitze ich in einer 28. Die Richtung stimmt. Der Bus muss einen Umweg nehmen wegen der gesperrten Brücke. Der Verkehr ist, vorsichtig ausgedrückt, zäh. 10:34 und wir kurven immer noch durch ein Wohngebiet 3 km vor dem Busbahnhof. F*ck! Der Bus scheint außerdem nicht weiter in die richtige Richtung zu fahren, sondern macht hier offenbar kehrt. Aussteigen, durchatmen....
In gut 1 km ist die Ausfallstraße nach Ashtarak. Also dort an eine Bushaltestelle. Etwa 15 min warte ich. Minuten fühlen sich an wie Stunden bei dem dröhnenden Straßenverkehr. Schließlich kommt tatsächlich ein Bus nach Ashtarak. Bauart chinesischer Kleinbus, offenbar für diesen Zweck entwickelt. Anschnallgurte gibt es trotzdem keine. Diese Busse haben eine Liniennummer und einen Fahrplan, also keine klassischen Marschrutkas.
In Ashtarak muss ich durch einen Park. Ein kleines Mädchen schenkt mir plötzlich mit Erlaubnis der Mutter einfach so ihre mittelgroße frische Pizza. Als ob sie meine Gemütslage haben ablesen können. <3 Weiter an die Straße nach Agarak, dem nächsten Ort Richtung Byurakan. Es gibt zufällig eine Bushaltestelle. Wieder ziehen sich Minuten wie Stunden. Es warten einige Leute, aber die meisten lassen sich von Privat-Pkw abholen. Nebenan stehen auch Taxis. 5€ bis Byurakan, na gut. Lada-Rider Nr. 1 bringt mich bis fast hoch zum Ausgangspunkt meiner Wanderung. Angekommen, gut 3h nach dem Beginn meiner Odyssee, für 40 Straßenkilometer.Taxis haben auch oft keine Sicherheitsgurte. Das verkaufen die Fahrer sogar als Feature. .oO Ganz ehrlich: Selbst wenn ich zivilisiert unterwegs bin, in einen schweren Unfall verwickelt werde und die Unfallgegner, nicht angeschnallt, sterben - wie fühle ich mich dann? Sorry, aber das ist einfach nur absolute Dummheit!

10 Minuten später bin ich an der Natur, was mich die ganzen Strapazen vergessen lässt. Und was für Natur!
Am Horizont das Häusermeer von Yerevan.
Ich möchte mir 3,5 km sparen, auch um sicher zu gehen, in Byurakan den Bus um 18:30 zurück nach Yerevan zu bekommen. Ich hatte schon auf dem Hinweg einen breiten einfachen Weg östlich bis an die Autostraße nach bzw. von Amberd entdeckt. Noch bevor ich richtig auf der Hauptstraße angekommen bin, sammelt mich ein älterer Herr mit seinem Lada Niva auf. Er heißt Pego und hat vor 30 Jahren für 3 Jahre in Gelnhausen bei Frankfurt gearbeitet. Allzuviel Deutsch ist nicht hängen geblieben. Aber, ob ich Wodka oder Bier mag. Bier, Ok. Die 1-l-Flasche liegt bereit, ein Metallbecher wird aus dem Handschuhfach gezaubert, alles während der Fahrt. "Trink noch einen!" Ok, wird gemacht.Er lässt mich an gleicher Stelle aussteigen, an der ich heute Mittag aus dem Taxi stieg. Er fährt in 15 min weiter nach Ashtarak, ob ich da auch mit möchte? - Nee, lass' mal lieber. Es sind noch 2 km bis ins Ortszentrum von Byurakan. Ich gehe extra ein Stück eine Nebenstraße, aber als ich wieder auf der Hauptstraße bin, steht der weiße Lada prompt wieder neben mir. "Komm, steig ein!" Es ist völlig klar, dass Widerworte sinnlos sind. Bedrohlich klingt es trotzdem nicht. Wir machen noch einige kurze Zwischenstopps: Am Dorfladen, beim Malztrunk-Verkäufer (der hat seinen Stand im Inneren einer Haarnadelkurve - wie praktisch, dass man die Kurve mit dem Lada 4x4 gekonnt abkürzen kann, auch wenn dann nicht der gesamte Trunk im Becher bleibt :-D ), an der Tankstelle und beim Blumenladen. Bevor wir Ashtarak erreichen, bietet er mir ein Kaugummi an: "Für mich wichtig. Ich habe ja getrunken, Wodka, Bier." Ich habe es befürchtet. Im Blumenladen hat er einen Korb für das Grab seiner Frau gekauft. Will man es ihm übel nehmen? 
Bereits um 18:43 sitze ich in Ashtarak im Bus nach Yerevan. Pass auf dich auf, Pego <3

Sonntag, 28. Juni 2026

Mystische Kirchen in zwei- und vierbeiniger Begleitung

Heute bin ich nochmal mit Lusine verabredet. Wir treffen uns in Garni, südöstlich von Yerevan. Für sie ist es viel kürzer, nicht erst nördlich nach Yerevan zu fahren, sondern östlich, quer rüber. Ein Türke, der beruflich in Armenien ist, bestätigt mir, dass der Bus nach Garni auch hier, gleich vor "meiner" Haustür hält. Die Fahrt dauert nur 30 min.
Ja, ein römischer Tempel! Daneben gab es auch mal eine apostolische Kirche, aber in der sovietischen Zeit hat man nur in den Erhalt des Tempels investiert. Außerdem gibt es die gut erhaltenen Ruinen eines römisches Thermalbades (ich muss an Xanten denken) und dieses beeindruckende bald 2000 Jahre alte Mosaik.
Symphonie der Steine werden diese verrückten Felsformationenen genannt.
Mein Mapy sagt, man kann durch ein Naturschutzgebiet über die Hänge südlich der Schlucht bis nach Geghard wandern, wo es auch ein berühmtes Kloster gibt. Der Aufstieg ist steil und mühsam. Ich werde plötzlich durch ein Geräusch hinter mir erschreckt. Es ist nur dieser freundliche Vierbeiner, der uns fortan viele km begleitet.
Oh Wunder, Hike Armenia und Lusines Mutter hatten Recht und man kann nicht bis nach Geghard wandern: Nachdem wir uns das dritte oder vierte Mal durch ein Gebüsch schlagen, drehen wir lieber um. Lusine war das vor allem wegen der Armenischen Viper unheimlich - deren Biss kann einen mehere Tage ins Krankenhaus bringen. Die Bauern tragen zu bestimmten Zeiten Gummistiefel zum Schutz davor.
Zum Glück ist Lusine mir nicht böse. Wir nutzen die Chance, um noch die Ruine einer alleinstehenden Kirche zu besichtigen, die wir vorhin links liegen lassen haben. Mein absoluter Lieblingsplatz bisher.
Zurück in Garni dann also mit der B-Klasse nach Geghard. Es dämmert schon. Das macht den Ort einmal mehr mystisch. Die halb in den Fels gehauenen Kirchensäale haben eine einfach unglaubliche Stimmung. Die Akustik ist so, dass man sich aus 2 m Entfernung flüsternd immer noch versteht - verrückt.Der letzte Bus mach Yerevan ist längst weg. Zum zweiten Mal nimmt Lusine den langen Umweg für mich in Kauf. Lieben Dank <3

Samstag, 27. Juni 2026

Schlaraffenland

Das ist meine Assoziation nach meinen ersten Stunden in Armenien. Aber dazu später.

Freitag, 26.6.
Der Grenzübertritt Georgien-Armenien war mehr als nervig und hat insgesamt 2,5h gedauert, inkl. kurzem Aussteigen um 0:30 auf der georgischen Seite. Die armenischen Zöllner haben im Zug gestempelt. Überraschenderweise scheint das im Fahrplan berücksichtigt - pünktlich um 09:00 erreichen wir Yerevan. Praktisch, dass die Busse in Lusines Region direkt ab einem Busbahnhof nebenan fahren. Vorher aber erstmal Geld abheben. Es gibt 20.000 Dram-Scheine (~50€), das hätte ich nicht erwartet, und renne jetzt mit viel zu großem Geld rum. Immerhin war auch ein 5.000er dabei, aber auch über den ist der Busfahrer sichtlich unerfreut. Lusine ist die Freundin der ukrainischen Freundin eines Kumpels in Deutschland, die beiden haben sich in Deutschland kennengelernt - Lusine ist wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt und gibt Deutschunterricht - online. Sie holt mich in Artashat, der Hauptstadt der Ararat-Region ab.
Ihr Auto ist aus deutscher Perspektive in mehrfacher Hinsicht besonders: Mercedes B-Klasse (selten), es war mal ein Rechtslenker, ist ein Automatik und sie hat ihn auf LPG (Flüssiggas) umbauen lassen. Das ist hier erheblich günstiger (200 statt 500 Dram (Super) je Liter) und scheint ziemlich üblich: Die allermeisten Tankstellen haben es. Zum Empfang im Haus ihrer Eltern gibt sie mir erstmal eine Führung durch den 2000 qm Obstgarten. Es gibt Aprikosen (verschiedenste Sorten), Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Erdbeeren, Maulbeeren und die Hälfte habe ich wahrscheinlich vergessen. Von der Schwägerin aus dem Süden gibt es total saftige Mispeln. Was gerade keine Saison hat liegt später trotzdem auf dem Tisch, als Trockenfrüchte. Solche Gärten haben hier alle im Dorf. Wie passend, dass der Ortsname übersetzt "Süßes Dorf" heißt. Lusines Vater besitzt auch noch Aprikosenfelder außerhalb des Dorfes, für den eher kommerziellen Anbau. Der unterste Streifen der armenischen Flagge ist übrigens offiziell aprikosenfarben, was (oh Wunder) für die Ernte steht :-)
Unterdessen haben Mutter und Schwägerin ein köstliches Frühstück aufgetischt, Vater Tadevos kommt auch noch rechtzeitig dazu - um ein Bierchen und einen Wodka mit ihm komme ich nicht herum :-) Hier ist es Tradition, dass die Hauptmahlzeiten in ein Kaffeetrinken übergehen.
Gut, dass Lusine mir anschließend ihren Lieblingsplatz für ein Nickerchen überlässt. <3 Hier wachsen einem die Kirschen wortwörtlich in den Mund.Ich erledige noch die längst überfällige Dusche. 16:00 machen wir, Lusine, ihre Mutter und ich, uns auf den Weg nach Khor Virap. Khor Virap ("tiefes Verlies") ist die Wiege der armenischen christlich-apostolischen Religion und somit das wichtigste Heiligtum des Landes. Der Religionsvater Gregor der Erleuchter wurde hier in den Jahren 288 bis 301 in einen Kerker gesperrt. Weil er den schwerkranken König heilen konnte, wurde er freigelassen und der König konvertierte selbst zum neuen Glauben: Armenien war fortan das erste Land mit dem Christentum als Staatsreligion. In den Kerker kann man immer noch durch das schmale Loch hinabsteigen - heutzutage gibt es die fest installierte Leiter, ein beruhigendes Gefühl.Typische Armenische Kirche. Lusines Eltern haben sogar auch hier geheiratet.Um das ehemalige Kloster herum befand sich außerdem das antike Artashat, noch vor dem Jahre 0 die prächtige Hauptstadt, auch als armenisches Karthago bezeichnet.
Weiter geht es Richtung Yerevan. Lusine parkt an der Metro-Station, Park+Ride, könnte man sagen. Es gibt nur eine Linie, die ist aber ein wichtiges Rückgrat des öffentlichen Verkehrs. Die Stationen, noch aus der Soviet-Zeit, wirken zeitlos, auch die Züge sind noch überraschend gut in Schuss. Später kann ich einmal mehr verstehen, warum wir nicht mit dem Auto in die Innerstadt fahren. Yerevan hat ein massives Straßenverkehrsproblem.
Ein kurzer erster Spaziergang durch die Innerstadt. Mit gefällt der rötliche Tuffstein, aus dem die meisten prächtigen Gebäude der Stadt sind. In Yerevan, aber auch in den Dörfern, gibt es alle paar Hundert m Trinkwasserbrunnen, aus denen erfrischend kühles Gebirgswasser sprudelt.
Einmal im Monat, immer am letzten Freitag, trifft man sich in Yerevan zum gemeinsamen Volkstanz. Ich hatte bewusst diesen Tag als meinen Ankunftstag gewählt - bestimmt ein schönes Event zum Einstieg! Lusine ist hier meistens dabei, ihre Mutter tanzt diesmal auch begeistert mit. Ich versuche mich auch zwei Runden einzureihen, bin aber zugegebenermaßen überfordert: Ganz so leicht, wie es vielleicht aussieht, es es definitiv nicht - zumindest die Grundbewegung will besser vorab gelernt sein. Als Zuschauer fühle ich mich wohler - die Kaskaden, an deren unterem Ende das Spektakel stattfindet, dienen hervorragend als Tribüne. Sieht einfach super cool aus, wie sich die Massen gleichzeitig bewegen. Cool, dass es so etwas hier gibt!
Als es schon dunkel ist, steigen wir noch zum oberen Ende der Kaskaden. Als wir wieder unten ankommen, tanzen die Leute immer noch - inoffiziell, zum eigenen Gesang. 
Ich muss nicht mit zurück ins Dorf, sondern darf die nächsten Nächte in der Wohnung von Lusines Bruder direkt in Yerevan übernachten, da er und die Schwägerin sie gerade nicht nutzen. Ein ziemlicher Umweg für die beiden, mich noch "hoch" in den Stadtteil zu kutschieren. Es ist schon spät am Abend, ein kleiner gemeinsamer Snack in der Küche muss trotzdem noch sein.

Samstag, 27.6.
Heutiges Tagesziel: Amberd, 35 km nordwestlich von Yerevan. Burg, Kirche und Wandergegend. Zunächst muss ich mit dem Bus irgendwie in die Innenstadt. Die Einheimischen nutzen eine Öffi-App, die scheint wohl gut zu funktionieren. Für mich als (hier) Offline-Person ist das Yerevaner Bussystem absoluter Abf*ck. An den Haltestellen gibt es 0 Infos. Nicht einmal eine Liste, welche Linien jeweils halten (in Ankara war zumindest das der Fall). Meine Notlösung ist mich immer zu einer Haltestelle zu begeben, von der aus die Busse der Logik nach nur in die für mich richtige Richtung fahren können. Das klappt heute erstmal ganz gut und ich lande wie geplant am Hauptbahnhof. Dass die Busse nach Ashtarak (das ist die letzte Kleinstadt vor Amberd) nicht vom gleichen Bahnhof wie die nach Artashat (im Süden) fahren, hatte ich fast geahnt. Ja, die Ortsnamen sind so ähnlich! Überhaupt scheint alles was bedeutsam ist 3 Silben zu haben und mit A zu beginnen. Neben den Kleinstädten der 5000m-Berg Ararat, der über halb Armenien schwebt (das können Fotos nicht wiedergeben, man muss es einfach mit eigenen Augen gesehen haben) und der Gebirgszug Aragats im Norden, mit seinen 4 Gipfeln, ...
Ein netter Barista ist sehr hilfreich und sucht mir die 2 Linien zum richtigen Busbahnhof raus, dem "Zentralen Busbahnhof" (vermutlich nur so heißend, weil dort die Busse ins zentrale Armenien abfahren). Außerdem darf ich das WiFi nutzen - Lindy und ich haben in Heidelberg ein WG-Casting. Die Busfahrt ist nochmal eine halbe Stadtrundfahrt (einmal durchs Zentrum und wieder raus) - immerhin entgehe ich dabei einem Regenschauer. Am Busbahnhof komme ich nicht weiter. Ich frage nach einem Bus direkt nach Byurakan, von dort will ich meine Wanderung nach Amberd starten. Die Kommunikation ist schwierig. Man schafft es nicht (wie ich später erfahre) mir klar zu machen, dass der letzte Bus dorthin schon weg ist, es fahren nur 2 am Tag. Ich kann nicht verständlich machen, dass ich alternativ auch erstmal bis Ashtarak fahren würde. Dorthin geht mehrmals die Stunde ein Bus. Dazu kommt: In meiner Offline-Map stehen die Ortsnamen in Kleinbuchstaben, auf den Bussen in Großbuchstaben. Armenisches Alphabet :-D Frustriert kehre ich ab. Eine ältere Dame verkauft einen leckeren Malztrunk (oder so), der meine Laune etwas aufbessert. Also nur ein Yerevan-Spaziergang heute. Bitte mit so wenig Straßenlärm wie möglich. Das nächste Ziel hierfür ist der Park rund um das Museum des Genozids an den Armeniern. Kein schönes Thema, aber ich bleibe trotzdem in dem Museum bis es schließt, über eine Stunde, und hätte gerne noch mehr Texte gelesen.Meine Schritte führen mich weiter zu einem schönen Aussichtspunkt über die Hrazdan-Schlucht und in den Tumanian-Park. Dahinter gibt es eine Art Wanderweg zu einem Wasserfall und einem Pavillon. Hier ist keine Menschenseele außer mir. Neben dem Pfad ein Bach. Der Bach fließt schließlich durch einen langen Tunnel und die einzige Möglichkeit dem Weg zu folgen ist durch den Tunnel und damit durch den Bach bzw. seinen teils schlammigen Rand. Eigentlich schon am Ausgang des Tunnels, gebe ich auf. Hier ist nur noch Wasser, und der Untergrund lädt absolut nicht zu "Schuhe aus" ein. Über einen seitlichen Pfad komme ich immerhin noch in Sichtweite von Pavillon und Wasserfall.
Zurück in die Zivilisation. Die Brücke über den Hrazdan wird gerade saniert, für Fußgänger ist sie jedoch geöffnet. Für mich eine Riesenfreude (vor allem die sich anschließende leise vierspurige Straße), an anderer Stelle natürlich der letzte Todesstoß für den kollabierenden Yerevaner Straßenverkehr :-D
Ich gehe in ein hippes Café, für Internet, dann in die Innenstadt (es klappt mit dem Bus, juhu - rund 3km spare ich mir) und dort in ein veganes Bistro. Die Rückfahrt hoch in den Stadtteil meiner Unterkunft (Gai) dauert etwa eine halbe Stunde. Auf der Außenseite der Busse steht immerhin der Linienverlauf, auch in lateinischen Lettern, und mit Gai Avenue konnte ich nichts falsch machen.

Donnerstag, 25. Juni 2026

Hostel 47 in Batumi - Nabel der Welt

Dienstag, 23.6.
Von Kars bekomme ich nicht wirklich viel mit. Ankunft gestern 23:00, Abfahrt heute 10:00. Das Hotel hat mich ganze 18€ gekostet. Dafür ist das Zimmer halt ein tatsächliches Einzelzimmer mit 1m-Bett und ohne Fenster ins Freie. Das Bett ist sauber und bequem. Genau richtig für eine Nacht.
Da ich gestern ja keine warme Mahlzeit hatte, nehme ich mir Zeit für ein Frühstück im benachbarten Café Paris. Qualität so lala, aber ich werde gut satt: Verschiedene Sorten Käse, Pommes, Spiegelei (die 4 Scheiben Salami sortiere ich halt runter), aber auch süße Aufstriche. Gut gestärkt kann ich die 6,5h Busfahrt angehen.
Zum Abschied leider kein Deluxe Bus - es ist ein Otokar Sultan, wie ich ihn an der Südküste als Regionalbus erlebt habe: Nichts mit Luftfederung (jede Bodenwelle grüßt) und Armlehnen, immerhin habe ich die ganze Zeit 2 Plätze für mich und nach 2,5h gibt es 30min Pause an einer urigen Holzhütte. Ein junger Türke aus dem Bus versucht sich dort auf Englisch mit mir, der Tee geht selbstverständlich auf ihn.
In Hopa, der letzten größeren Stadt vor Georgien, komme ich gar nicht dazu, inne zu halten um mein erstes Mal am Schwarzen Meer zu zelebrieren: Ibrahim, ich weiß gar nicht, ob er auch in meinem Bus saß, "hakt" mich auf den ersten Metern nach dem Aussteigen unter: "Batumi? Komm mit! Wir nehmen einen Minibus, günstiger als Taxi." (logisch, hatte ich eh vor). Die Konversation läuft mit Hilfe von Translate. Danke für das Zeigen der Dolmus-Station - keine Ahnung, wie ich sie sonst gefunden hätte..Ob ich etwas für ihn über die Grenze bringen kann?! Moment - mir wird etwas mulmig: Nicht, dass ich jetzt zum Drogenkurier werde! Er arbeite als Fliesenleger in Batumi. Als er mir ein Foto seines verrichteten Werks dort zeigt, bin ich etwas beruhigter und noch beruhigter, als er die Stange Zigaretten vor meinem Augen im Duty Free kauft. Darum ging es also. Kein Ding.

Die Grenzstation ist riesig und zumindest um diese Tageszeit scheinen ein paar Hundert Leute pro Stunde die Grenze zu Fuß zu passieren. Man läuft ungelogen 500 m durch einen langen breiten Gang. Als letztes die georgische Gepäckkontrolle und der Check, ob ich nicht schon kürzlich Zigaretten importiert habe. Weiter geht es mit einem gewöhnlichen modernen Stadtbus, Linie 16. Bezahlung mit Kreditkarte. Ibrahim lässt es sich nicht nehmen mir die Fahrt zu spendieren.
Die 16 fährt mich bis 800 m vor mein Hostel. Das Hostel hat nur 3 Dorms (20 Betten gesamt) und zeugt von Perfektion. Hostelmutter Lika scheint selbst schon in vielen Hostels gewesen zu sein, um zu wissen, worauf es ankommt. Außerdem ist sie die hilfreichste Person der Welt. Interessant, dass sie das Hostel nur in der Sommerzeit (5 Monate) öffnet. Bei Zahlungsdienstleistern gibt es keine Saisontarife, daher nur Cash. Meine restlichen türkischen Lire reichen genau um die zwei Nächte zu bezahlen, der Kurs an der Wechselstube ist erstaunlich fair - ich hätte erwartet, Lire will hier niemand haben. Anschließend gehe ich Abendessen in ein georgisches Restaurant und bin etwas überrascht, dass der leckere Gemüseeintopf mich am meisten an marokkanische Tajine erinnert :-D

Mittwoch, 24.6.
Ich kaufe Haferflocken und laktosefreie Milch (Pflanzliche Milch habe ich erst später in einem größeren Supermarkt gesehen) und Obst bei einem Gemüseladen. Nach ausgiebigem Frühstück im Hostel gehe ich zum Büro der Fähre Batumi-Burgas. Man spricht nur Russisch. Erster Einsatz meines Russisch-Offline-Übersetzers. "20.7.? Nje, dafür kann ich (jetzt noch?) nicht buchen." "Ab wann kann ich diese Fähre buchen?" Mit dieser Frage lässt er mich eiskalt stehen und wendet sich weiter den anderen Leuten zu - vermutlich geht es um irgendwelche Lkw-Frachtpapiere. Danke für nichts! Die Industrie-Hafengegend hier ist echt nicht so schön. Auch ein weiterer Versuch einen tierfreien Brotaufstrich zu finden schlägt fehl. Lieber mit dem Bus zurück ins Zentrum, zumindest das klappt gut. Hier entdecke ich noch ein paar Prachtstück georgischer Architektur. Ich meine das ernst, ich finde es geil!
Leider habe ich Halsschmerzen, ich glaube die Klimaanlage des letzten Busses gestern hat mir ziemlich zugesetzt. Eine heiße Suppe zum Mittag wäre super. Kurz zurück im Hostel - Google Maps zeigt mir zum Stichwort Suppe ein veganes Café - nichts wie hin dort. Ich bin der einzige Gast. Mit der Inhaberin Angelika, ich denke, sie ist noch keine 30, habe ich einiges zu plaudern. Sie ist aus Kasachstan und seit 3 Jahren in Georgien. Das Lokal hat sie nach ihrer verstorbenen Großmutter benannt. Leider wird sie im August schließen, die Lage ist zu versteckt (Hauptkundschaft: Europäische Touristen), vielleicht gehen sie und ihr Freund nach Europa. Noch besser als die Suppe ist eine grandiose "Oreo"-Zimtschnecke. Die gönne ich mir zum Nachtisch. Meine Laune ist nun besser, Zeit für einen ausgiebigen Stadt-Spaziergang.Die Georgier lieben den Leaf 1 (Für alle Unwissenden: Ein älteres Elektroauto, in genau dieser Farbe hatte ich selbst eines, 2016-2022). Ich habe in Batumi alleine 5 Stück gesehen während meiner kurzen Spaziergänge.
Als ich gegen 18:00 das Hostel wieder betrete: Gleich zwei unerwartete bekannte Gesichter!: Eduardo (Italiener) aus dem Zug vorgestern (er ist über Erzurum-Trabzon hergekommen) und, noch viel verrückter: Der Österreicher vom Abreisetag in Ioannina, Griechenland. Er heißt Andi und hat erfreulicherweise Bock auf Indisch-Mittwoch. Anschließend begießen wir das unverhoffte Wiedersehen noch mit einem Bierchen aus dem Supermarkt.
Inzwischen sind auch Sol und Alex, die beiden Engländer aus dem Zug vorgestern, im Hostel aufgetaucht. Von ihnen wusste ich allerdings schon, dass sie zufällig auch hier gebucht haben.

Donnerstag, 25.6.
Ich schlafe bis 10:30. Allerdings war ich auch bis ca 1:30 wach gewesen. Leider immer noch Halsschmerzen. Ein (Halb)Tagesausflug lohnt jetzt nicht mehr - 14:00 muss ich los zum Bahnhof, mehrere km östlich vom Zentrum. Beim Frühstück plaudere ich nochmal mit Alisa, einer jungen Russin, die in Edinburgh studiert. Hier kann ich mal helfen: Sie möchte heute rüber in die Türkei.
Ich habe Lust auf einen guten Kaffee, dafür ist noch Zeit. Der Stadtführer in Tirana hatte gemeint, seine Stadt hätte eine der höchsten Café-Dichten. Ich würde meinen, Batumi toppt das noch. Allerdings habe ich gerade irgendwie die Wahl zwischen Verkehrslärm, Baulärm oder nach meinem Geschmack zu lauter Musik, die immer auch die Außensitzplätze beschallt.
Ja, da ist ein kleines Riesenrad in der Fassade! :-DBuslinie 10/10S bringt mich recht flott zum Bahnhof. Der Zug ist tip-top, modern, gut gepflegt, freundliches Personal und ab hier noch sehr leer. Ab Tiflis kommt eine Gruppe von 2 jungen Engländern + 1 Engländerin zu mir ins Abteil. Toll, dass die armenische Bahn ihn trotzdem schon ab Batumi fahren lässt!

Montag, 22. Juni 2026

Ostwärts immer weiter, dazu nette Begleiter

(weiter) Sonntag, 21.6.
Um 7 bin ich zurück in Micheles Wohnung. Von 8-11 schlafe ich nochmal. Michele machte sich unterdessen wieder auf den Weg zur Arbeit, ich mache gemütliches spätes Frühstück und chille den Rest des Tages auf dem Balkon. Gegen 18:00 kommen Michele und ihr Freund Mert. Wir fahren mit seinem Auto ins Zentrum von Avanos. Avanos ist schon auch touristisch, dabei aber irgendwie authentisch geblieben. Zu 90% sind es hier die türkischen Touris (in Kapadokien selbst: Alle Welt, vor allem unglaublich viele Asiaten!).
Avanos ist Keramik-Hauptstadt. Zahlreiche Werkstätten laden ein, selbst an der Töpferscheibe tätig zu werden.M. & M. führen mich herum und im Sonnenuntergang auf den Aussichtspunkt des Orts. Ein schöner Blick zurück über das Tal von Kapadokien, bis zur Burg von Uchisar, wo ich gestern erst mit Michele war.Weiter geht die Spaziergangsrunde am Fluss Kizilirmak. Wir erledigen noch kleine Einkäufe, Abendessen wird gemeinschaftlich daheim gekocht, wie in einer WG <3 Zum Abschluss gibt es noch ein Weinchen. 22:20 muss ich mich Verabschieden, zum letzten Bus nach Kayseri.
Vorgestern hatte ich gesehen, dass es dort auch eine Straßenbahn gibt, die Google Maps mir (natürlich :-/) vorenthalten hatte. Moderne Fahrzeuge, 4 Linien. Hier gibt es keinen Stress mit dem Ticket, das Gate nimmt meine Kreditkarte. Nach wenigen min kommt die nächste Bahn, fast leer - kaum verwunderlich um Mitternacht herum. In meinem Wagon ist nur eine syrische Familie - der Vater versucht mittels Translate ein bisschen mit mir zu quatschen. Ich fahre bis zum zentralen Platz, von dort sind es nur 1,5km bis zum Bahnhof.Es sind immer noch überraschend viele Autos unterwegs, Fußgänger dagegen fast 0. Da ich wirklich gemütlich gehe habe ich am Bahnhof Kayseri nur noch 30 min zu warten und der Nachtzug aus Ankara kommt glücklicherweise nur 10 min zu spät (bei meinem Zug vorgestern waren es 50 min gewesen). 01:30 kann ich an Bord gehen, 4er-Liegewagen-Abteil.

Montag, 22.6.
Ich schlafe um 8:00 tatsächlich nochmal ein und wache erst kurz vor 10 auf, rechtzeitig bevor der Divrigi Nationalpark an uns vorbeizieht.
Wer ist denn überhaupt hier noch so im Abteil? Ein 70jähriger türkischer Renter und Sol und Alex aus Newcastle, die auch bis Kars reisen, nur um die volle Bahnstrecke mitzuerleben.Der ältere Herr steigt "schon" vormittags in Erzincan aus. Wir verbringen viel Zeit im recht leeren Bistro-Wagen: Ich lerne Backgammon und später das Kartenspiel Cambio. Zeitweilig sind auch Hatice, aus der Istanbuler Gegend, und Eduardo aus Mailand dabei. Hatice ist mit 3 weiteren Leuten unterwegs, die wir auch kurz kennenlernen, zu einer Hochzeit bei Erzurum. Eduardo hat seinen Lobbyisten-Job in Brüssel im April an den Nagel gehangen und reist auf dem Landweg bis Indonesien. Leider fahren wir tief ins Dunkel und Abendessen in Kars kann ich auch vergessen - die Verspätung hat sich auf 2,5h summiert. Die gemütliche Stimmung bei uns im Abteil mit chilliger Musik aus dem Bluetooth-Lautsprecher lässt aber keine schlechte Stimmung darüber aufkommen :-)
In Kars, letzte Übernachtung hier in der Türkei, bin ich nun schon 3000 km Luftlinie von Heidelberg entfernt und nur 50 km von der Armenischen Grenze. Die Grenzübergange zwischen den beiden Ländern sind aber leider geschlossen :-(