Samstag, 27. Juni 2026

Schlaraffenland

Das ist meine Assoziation nach meinen ersten Stunden in Armenien. Aber dazu später.

Freitag, 26.6.
Der Grenzübertritt Georgien-Armenien war mehr als nervig und hat insgesamt 2,5h gedauert, inkl. kurzem Aussteigen um 0:30 auf der georgischen Seite. Die armenischen Zöllner haben im Zug gestempelt. Überraschenderweise scheint das im Fahrplan berücksichtigt - pünktlich um 09:00 erreichen wir Yerevan. Praktisch, dass die Busse in Lusines Region direkt ab einem Busbahnhof nebenan fahren. Vorher aber erstmal Geld abheben. Es gibt 20.000 Dram-Scheine (~50€), das hätte ich nicht erwartet, und renne jetzt mit viel zu großem Geld rum. Immerhin war auch ein 5.000er dabei, aber auch über den ist der Busfahrer sichtlich unerfreut. Lusine ist die Freundin der ukrainischen Freundin eines Kumpels in Deutschland, die beiden haben sich in Deutschland kennengelernt - Lusine ist wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt und gibt Deutschunterricht - online. Sie holt mich in Artashat, der Hauptstadt der Ararat-Region ab.
Ihr Auto ist aus deutscher Perspektive in mehrfacher Hinsicht besonders: Mercedes B-Klasse (selten), es war mal ein Rechtslenker, ist ein Automatik und sie hat ihn auf LPG (Flüssiggas) umbauen lassen. Das ist hier erheblich günstiger (200 statt 500 Dram (Super) je Liter) und scheint ziemlich üblich: Die allermeisten Tankstellen haben es. Zum Empfang im Haus ihrer Eltern gibt sie mir erstmal eine Führung durch den 2000 qm Obstgarten. Es gibt Aprikosen (verschiedenste Sorten), Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Erdbeeren, Maulbeeren und die Hälfte habe ich wahrscheinlich vergessen. Von der Schwägerin aus dem Süden gibt es total saftige Mispeln. Was gerade keine Saison hat liegt später trotzdem auf dem Tisch, als Trockenfrüchte. Solche Gärten haben hier alle im Dorf. Wie passend, dass der Ortsname übersetzt "Süßes Dorf" heißt. Lusines Vater besitzt auch noch Aprikosenfelder außerhalb des Dorfes, für den eher kommerziellen Anbau. Der unterste Streifen der armenischen Flagge ist übrigens offiziell aprikosenfarben, was (oh Wunder) für die Ernte steht :-)
Unterdessen haben Mutter und Schwägerin ein köstliches Frühstück aufgetischt, Vater Tadevos kommt auch noch rechtzeitig dazu - um ein Bierchen und einen Wodka mit ihm komme ich nicht herum :-) Hier ist es Tradition, dass die Hauptmahlzeiten in ein Kaffeetrinken übergehen.
Gut, dass Lusine mir anschließend ihren Lieblingsplatz für ein Nickerchen überlässt. <3 Hier wachsen einem die Kirschen wortwörtlich in den Mund.Ich erledige noch die längst überfällige Dusche. 16:00 machen wir, Lusine, ihre Mutter und ich, uns auf den Weg nach Khor Virap. Khor Virap ("tiefes Verlies") ist die Wiege der armenischen christlich-apostolischen Religion und somit das wichtigste Heiligtum des Landes. Der Religionsvater Gregor der Erleuchter wurde hier in den Jahren 288 bis 301 in einen Kerker gesperrt. Weil er den schwerkranken König heilen konnte, wurde er freigelassen und der König konvertierte selbst zum neuen Glauben: Armenien war fortan das erste Land mit dem Christentum als Staatsreligion. In den Kerker kann man immer noch durch das schmale Loch hinabsteigen - heutzutage gibt es die fest installierte Leiter, ein beruhigendes Gefühl.Typische Armenische Kirche. Lusines Eltern haben sogar auch hier geheiratet.Um das ehemalige Kloster herum befand sich außerdem das antike Artashat, noch vor dem Jahre 0 die prächtige Hauptstadt, auch als armenisches Karthago bezeichnet.
Weiter geht es Richtung Yerevan. Lusine parkt an der Metro-Station, Park+Ride, könnte man sagen. Es gibt nur eine Linie, die ist aber ein wichtiges Rückgrat des öffentlichen Verkehrs. Die Stationen, noch aus der Soviet-Zeit, wirken zeitlos, auch die Züge sind noch überraschend gut in Schuss. Später kann ich einmal mehr verstehen, warum wir nicht mit dem Auto in die Innerstadt fahren. Yerevan hat ein massives Straßenverkehrsproblem.
Ein kurzer erster Spaziergang durch die Innerstadt. Mit gefällt der rötliche Tuffstein, aus dem die meisten prächtigen Gebäude der Stadt sind. In Yerevan, aber auch in den Dörfern, gibt es alle paar Hundert m Trinkwasserbrunnen, aus denen erfrischend kühles Gebirgswasser sprudelt.
Einmal im Monat, immer am letzten Freitag, trifft man sich in Yerevan zum gemeinsamen Volkstanz. Ich hatte bewusst diesen Tag als meinen Ankunftstag gewählt - bestimmt ein schönes Event zum Einstieg! Lusine ist hier meistens dabei, ihre Mutter tanzt diesmal auch begeistert mit. Ich versuche mich auch zwei Runden einzureihen, bin aber zugegebenermaßen überfordert: Ganz so leicht, wie es vielleicht aussieht, es es definitiv nicht - zumindest die Grundbewegung will besser vorab gelernt sein. Als Zuschauer fühle ich mich wohler - die Kaskaden, an deren unterem Ende das Spektakel stattfindet, dienen hervorragend als Tribüne. Sieht einfach super cool aus, wie sich die Massen gleichzeitig bewegen. Cool, dass es so etwas hier gibt!
Als es schon dunkel ist, steigen wir noch zum oberen Ende der Kaskaden. Als wir wieder unten ankommen, tanzen die Leute immer noch - inoffiziell, zum eigenen Gesang. 
Ich muss nicht mit zurück ins Dorf, sondern darf die nächsten Nächte in der Wohnung von Lusines Bruder direkt in Yerevan übernachten, da er und die Schwägerin sie gerade nicht nutzen. Ein ziemlicher Umweg für die beiden, mich noch "hoch" in den Stadtteil zu kutschieren. Es ist schon spät am Abend, ein kleiner gemeinsamer Snack in der Küche muss trotzdem noch sein.

Samstag, 27.6.
Heutiges Tagesziel: Amberd, 35 km nordwestlich von Yerevan. Burg, Kirche und Wandergegend. Zunächst muss ich mit dem Bus irgendwie in die Innenstadt. Die Einheimischen nutzen eine Öffi-App, die scheint wohl gut zu funktionieren. Für mich als (hier) Offline-Person ist das Yerevaner Bussystem absoluter Abf*ck. An den Haltestellen gibt es 0 Infos. Nicht einmal eine Liste, welche Linien jeweils halten (in Ankara war zumindest das der Fall). Meine Notlösung ist mich immer zu einer Haltestelle zu begeben, von der aus die Busse der Logik nach nur in die für mich richtige Richtung fahren können. Das klappt heute erstmal ganz gut und ich lande wie geplant am Hauptbahnhof. Dass die Busse nach Ashtarak (das ist die letzte Kleinstadt vor Amberd) nicht vom gleichen Bahnhof wie die nach Artashat (im Süden) fahren, hatte ich fast geahnt. Ja, die Ortsnamen sind so ähnlich! Überhaupt scheint alles was bedeutsam ist 3 Silben zu haben und mit A zu beginnen. Neben den Kleinstädten der 5000m-Berg Ararat, der über halb Armenien schwebt (das können Fotos nicht wiedergeben, man muss es einfach mit eigenen Augen gesehen haben) und der Gebirgszug Aragats im Norden, mit seinen 4 Gipfeln, ...
Ein netter Barista ist sehr hilfreich und sucht mir die 2 Linien zum richtigen Busbahnhof raus, dem "Zentralen Busbahnhof" (vermutlich nur so heißend, weil dort die Busse ins zentrale Armenien abfahren). Außerdem darf ich das WiFi nutzen - Lindy und ich haben in Heidelberg ein WG-Casting. Die Busfahrt ist nochmal eine halbe Stadtrundfahrt (einmal durchs Zentrum und wieder raus) - immerhin entgehe ich dabei einem Regenschauer. Am Busbahnhof komme ich nicht weiter. Ich frage nach einem Bus direkt nach Byurakan, von dort will ich meine Wanderung nach Amberd starten. Die Kommunikation ist schwierig. Man schafft es nicht (wie ich später erfahre) mir klar zu machen, dass der letzte Bus dorthin schon weg ist, es fahren nur 2 am Tag. Ich kann nicht verständlich machen, dass ich alternativ auch erstmal bis Ashtarak fahren würde. Dorthin geht mehrmals die Stunde ein Bus. Dazu kommt: In meiner Offline-Map stehen die Ortsnamen in Kleinbuchstaben, auf den Bussen in Großbuchstaben. Armenisches Alphabet :-D Frustriert kehre ich ab. Eine ältere Dame verkauft einen leckeren Malztrunk (oder so), der meine Laune etwas aufbessert. Also nur ein Yerevan-Spaziergang heute. Bitte mit so wenig Straßenlärm wie möglich. Das nächste Ziel hierfür ist der Park rund um das Museum des Genozids an den Armeniern. Kein schönes Thema, aber ich bleibe trotzdem in dem Museum bis es schließt, über eine Stunde, und hätte gerne noch mehr Texte gelesen.Meine Schritte führen mich weiter zu einem schönen Aussichtspunkt über die Hrazdan-Schlucht und in den Tumanian-Park. Dahinter gibt es eine Art Wanderweg zu einem Wasserfall und einem Pavillon. Hier ist keine Menschenseele außer mir. Neben dem Pfad ein Bach. Der Bach fließt schließlich durch einen langen Tunnel und die einzige Möglichkeit dem Weg zu folgen ist durch den Tunnel und damit durch den Bach bzw. seinen teils schlammigen Rand. Eigentlich schon am Ausgang des Tunnels, gebe ich auf. Hier ist nur noch Wasser, und der Untergrund lädt absolut nicht zu "Schuhe aus" ein. Über einen seitlichen Pfad komme ich immerhin noch in Sichtweite von Pavillon und Wasserfall.
Zurück in die Zivilisation. Die Brücke über den Hrazdan wird gerade saniert, für Fußgänger ist sie jedoch geöffnet. Für mich eine Riesenfreude (vor allem die sich anschließende leise vierspurige Straße), an anderer Stelle natürlich der letzte Todesstoß für den kollabierenden Yerevaner Straßenverkehr :-D
Ich gehe in ein hippes Café, für Internet, dann in die Innenstadt (es klappt mit dem Bus, juhu - rund 3km spare ich mir) und dort in ein veganes Bistro. Die Rückfahrt hoch in den Stadtteil meiner Unterkunft (Gai) dauert etwa eine halbe Stunde. Auf der Außenseite der Busse steht immerhin der Linienverlauf, auch in lateinischen Lettern, und mit Gai Avenue konnte ich nichts falsch machen.