Donnerstag, 9. Juli 2026

Blinder Passagier und der Schlüssel vom Bauernhaus

Lieber relativ früh aufgestanden (8:00). Vor mir liegen 130 km ins ländliche Georgien, und das einzige, was ich weiß, dass es schon von Gyumri keine offiziellen Busse in meine Richtung gibt. Trotzdem begebe ich mich nochmal an den Busbahnhof und frage zwei wartende Damen: Nein, auch keine Marschrutkas. An Busbahnhöfen gibt es immer auch Taxi-Stationen. Der Herr, der auf mich zukommt, ist der Fahrer eines schwarzen VW Vento. Da bin ich doch einmal mehr bereit die 14€ bis zur Grenze (50km) zu bezahlen und vor allem, leider selbst nervigen Individualverkehr zu erzeugen. (Kindheitserinnerung: Ein Vento war in den 90ern ein paar Jahre unser Familienauto.)
Ich bin zwar mutiger geworden mit Trampen, aber bis zum entsprechenden Ortsausgang von Gyumri wären es alleine 6km gewesen. Lieber erstmal km machen.
Hinter der Grenze nimmt mich nach 500 m ein junger Typ mit einem riesen SUV mit, gut 1 km ins nächste Dorf. Auch das hilft schon mal. Ob hier Marschrutkas fahren? Er verneint es. Eine Bushaltestelle gibt es aber.Schon nach 2-3 min kommt ein Bus, und was für einer: Ein richtiger Reisebus (in Armenien gibt es so etwas für den öffentlichen Transport übrigens nicht, nur für ausländische Reisegruppen). Die Reiseführerin winkt freundlich. Der Bus hält schließlich an und - kann das sein?? - macht den Rückwärtsgang rein :-D
Es handelt sich um eine polnische Reisegruppe. Ich hatte sie schon an der Grenze wahrgenommen. Mit einem armenischen Reisebus (und armenischer Touristenführerin, wie ich später erfahre) waren sie bis zur Grenze gekommen, dahinter ging es mit georgischem Bus und Guide weiter. Die Gruppe möchte nach Wardsia, wie genial ist das denn! - meine Unterkunft liegt 4 km davor. Die Touristenführerin spricht offenbar fließend polnisch, sie redet fast ununterbrochen, übergibt dann aber das Mikro Damen und Herren aus den vorderen Reihen: Ich erlebe quasi einen polnischen Gottesdienst, mit Gebeten und Gesang. Es handelt sich um eine katholische Reisegruppe, altersmäßig bunt gemischt. Danach ist wieder die Reiseführerin dran, daher nur ein kurzer Austausch mit meinem Sitznachbarn (junger Typ) auf Englisch und einer älteren Dame auf Deutsch :-)
An der Burg Khertvisi gibt es einen 20-min Zwischenstopp - hier plante ich bereits die nächsten Tage nochmal herzukommen.

An meiner Unterkunft, wirklich im Nirgendwo, keine Menschenseele. Nur zwei Hunde begrüßen mich freudig. Ausgestorben wirkt es zum Glück nicht. Es gibt verschiedene schattige Sitzmöglichkeiten - ich kann endlich mal den Blog aufholen :-)

Das Farmhouse und der einzige Fußweg in die Zivilisation. Hierüber sind es 850 m zum "Zentrum" (Dorfladen) von Tmogvi, über die Autozufahrt wären es 5! km. Stunden vergehen. Um 17:30 beschließe ich, eben jenen Dorfladen aufzusuchen und um WiFi zu bitten. Alles was Wert hat und wichtig ist nehme ich an mich, den Rucksack lasse ich am Farmhouse. Keinerlei Nachricht von der Unterkunft. Erst eine Teenagerin, die für mich den Herren im Laden übersetzt, macht mir deutlich: Es gibt noch ein weiteres Tirebi Gästehaus, am anderen Ortsausgang. Siehe da, dort herrscht Leben. Der Gastwirt ruft seinen Sohn zum Dolmetschen an. Der Schlüssel für das mittlere Apartment befände sich mit einem Magneten befestigt unter einem Stuhl auf dem Balkon. Ich decke mich mit "Abendessen" beim Dorfladen ein: 3 Tomaten, Cracker, ein Bier, Nektarinen. Ein bisschen Brot habe ich noch. Zurück an der Farm: Es gibt ungefähr 10 Stühle und Hocker. Ich habe alle 3x umgedreht. Vom Schlüssel keine Spur. Ich fühle mich wie in einem schlechten Point&Klick-Adventure. SMS an den Gastgeber. Kurz vor 9 taucht er oben am Kuhstall auf. Eher Zufall glaube ich. Der Schlüssel befindet sich oben an der Lehne einer langen Bank ;-) Drinnen ist es urtümlich, gemütlich und sauber.