Sonntag, 5. Juli 2026

Sevan

Samstag, 4.7.
Ich mache mir keinen Stress mit der Abreise. 13:00 geht ein Bus nach Sevan. D.h., eigentlich ist es der Yerevan-Bus, direkt nach Sevan rein fährt kein Bus. Daher zahlt man auch den vollen Fahrpreis - verständlich - der Platz ist dann ja weg für den gesamten Weg. Noch 6 km vor Sevan liegt die Sevan-Halbinsel. Der gleichnamige See ist der größte des ganzen Kaukasus und mehr als doppelt so groß wie der Bodensee. Er liegt auf 1900 m über dem Meer. Die Halbinsel ist offenbar der Touri-Spot am See. Schätzungsweise die Hälfte der Besucher sind (Exil-)Russen, aber z.B. auch Asiaten sieht man hier.Für den Weg nach Sevan-Stadt teilt sich ein junges polnisches Pärchen ein Taxi mit mir. Sevan ist wenig touristischen - einfach das Wohn- und Geschaftszentrum der Region. Es gibt zahlreiche Bäckereien, aber ich finde kein Café. Wir haben nochmal ein WG-Casting - WiFi wäre schön. Schließlich: Eine moderne Pizzeria, umso besser - mein Mittagshunger ist groß, es ist schon 16:00. Das WiFi gibt leider kein Videotelefonat her.
Meine Unterkunft ist zum ersten Mal wirklich schrottig bzw. vor allem unglaublich dreckig. Keine Ahnung, wann hier zuletzt geputzt wurde. Ich muss das jedenfalls notdürftig selbst übernehmen. Dass dem Gastgeber, einem älteren Herren, es nicht peinlich war, mir die Wohnung so zu übergeben. Gebucht hatte ich ein Einzelzimmer mit Bad auf dem Gang, daher dachte ich, für 13€ könnte das etwas Ordentliches sein. Stattdessen habe ich ein ganzes Apartment bekommen, aber eben dreckig. Immerhin ist das Bett frisch bezogen und bequem.

Sonntag, 5.7.
Zugtour, endlich!!! Sevan hat einen Bahnhof! Allerdings fährt der Zug Yerevan-Sevan-Shorza(45 km weiter am Seeufer entlang) nur in den Sommermonaten und vor allem: Nur Fr bis So. Wie hat mir das nur entgehen können? Ich habe meine Planung umwerfen müssen: Ursprünglich wollte ich Dienstag von Yerevan nach Shorza und dann in 2-3 Tagen den See vollständig umrunden, dann erst nach Dilijan und dann auf Straßenwege westwärts bis Gyumri. Im Nachgang bin ich eigentlich froh um diese Änderung, hat sich doch mittlerweile der Transport und das Unterkünfte-Suchen alles andere als einfach herausgestellt - vielleicht wäre das eher stressig geworden.
Mit nur 5 min Verspätung kommt der Zug aus Yerevan. Ich habe gewusst, dass es rustikal wird - aber so?! :-D
Das sind die zwei Mittelwagen. In den Endwagen gibt es gepolstertes Leder, für die meisten Passagiere natürlich die erste Wahl. Ich bin für die einstündigen Fahrt bis Shorza mit der Holzklasse mehr als glücklich. Die Fenster sind dreckig, was aber nichts macht #Fensterauf Eine grandiose Panoramafahrt, die ich auch Nicht-Zugfans unbedingt empfehlen würde.
Shorza/Shogakat (keine Ahnung, warum es 2 Ortsnamen gibt) ist viel ruhiger und weitläufiger als die Halbinsel und von großen Campingplätzen am Ufer geprägt. 2x muss ich das Ufer verlassen, weil ein Zaun den Weg versperrt, so auch hier, wo dieser VW-Caravan ein schönes Plätzchen gefunden hat.Es dauert nicht lang und ich sitze auf dem umgedrehten Beifahrersitz und werde mit einem frisch gemahlenen Filterkaffee verköstigt. Klaus ist mit Sicherheit über 70 und alleine unterwegs, seine Frau lebt nicht mehr. Wir plaudern anderthalb Stunden. Er ist ein echter 4x4-Profi und hat schon einige ältere Camper besessen. Mit dem modernen Mobil ist er rundum zufrieden. Nur die Bodenfreiheit ist ein Problem. "Ich bin dann halt auch ehrgeizig. Wo man langfahren kann und wo nicht, ist ja sehr subjektiv. Neulich habe ich den Auspuff beschädigt. Ich habe es aber selbst reparieren können."
Es zieht ein Gewitter auf. Auch meldet sich langsam der Mittagshunger bei mir. Nebenan gibt es einen großen Campingplatz, auf dem man auch Hütten und Häuser mieten kann (meine Anfragen per Mail und WhatsApp vor ein paar Tagen dazu blieben unbeantwortet). Ich ziele auf deren Restaurant ab, werde aber am Einlass enttäuscht: Wir haben ein Festival heute, 10.000 Dram (24€) Einlass. Tatsächlich hörte man die Bässe schon aus der Ferne. Eine armenische Technoparty wäre sicherlich auch mal ganz lustig, ist aber nicht das, wonach ich gerade suche. Viel los zu sein scheint ohnehin nicht. 
Also weiter zum nächsten Grundstück. Der Regen wird heftig.Shit, das sieht verdammt unbewohnt aus. Hoffentlich kann ich mich trotzdem unterstellen.. Ich habe Glück, die Zufahrt um die Ecke ist geöffnet, eine überdachte Sitzgruppe reicht mir als Schutz. Inzwischen hagelt es 1 bis teilweise 1,5cm große Körner. Als es wieder aufklart erwacht der Campingplatz zum Leben. Ich frage auf Russisch, ob es hier am Platz ein Restaurant gibt. Das sei gerade "busy", aber ich kann so lange in einem Apartment des Hotels platznehmen. - "Ich will wirklich nur essen!". Der Sohn wird auch mit eingespannt. Ich übe mich mal wieder im Dinge einfach passieren Lassen. :-D Es wird kurzerhand für mich eingekauft. Ich bin im ersten Moment enttäuscht, dass der Fisch kalt ist (dafür hat es aber auch nur 20 min gedauert), aber er ist unglaublich lecker und ich werde pappsatt. Umgerechnet 7€ möchten sie von mir haben, mehr als fair!
Auf dem Rückweg halte ich die ganze Zeit Ausschau nach einer Umkleide an einem Strandabschnitt, um doch noch ein Bad im Sevan-See wahr werden lassen zu können (ich habe kein großes Handtuch o. ä.). Tatsächlich werde ich fündig. 100 m weiter (unter dem Coca-Cola-Pavillon im Hintergrund) ist außerdem eine Gruppe, die auf mein Gepäck aufpasst und mir nebenbei Aprikosen anbietet.
Der Zug ist auf der Rückfahrt recht Backpacker-lastig. Eine große Gruppe Russen, die vom Zelten kommt, aber auch eine Armenierin, der die professionelle Website explorewithgaia . com gehört, sowie zwei Mountainbiker. Es wird also nicht langweilig.
Ich habe mir vorgenommen in Yerevan keinen Meter mehr Bus zu fahren und habe daher ein Hostel in der Innenstadt gebucht, 800 m von der Metro. Praktischerweise lief das sehr unbürokratisch: Taya vom Dilijan-Hostel hat vorher in einem Hostel in Yerevan gevolunteert. Sie hat mir den WhatsApp-Kontakt von Sean gegeben, einem Australier, der hier ihr Nachfolger ist.